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Standuhren

Die älteste erhaltene Bodenstanduhr dürfte die »Moritz-Uhr« des Hessischen Landesmuseums Kassel sein, die zwischen 1600 und 1610 entstand. Sie ist 2,42 m hoch, das Gehäuse mit flankierenden Säulen ist reich intarsiert und bemalt. Das Hauptzifferblatt gibt die Stunde und den Stand von Sonne und Mond in der Ekliptik an. Mondphase, Viertelstunde und Minute zeigen gesonderte Zifferblätter.

Der muschelförmige Überhang trägt die Plattform für die acht Figuren, die die Glocken für den Vier-Viertel-Schlag anschlagen. In der Etage darüber erscheinen stündlich in abwechselnder Reihenfolge der Tod und Christus. Auf der Spitze der Uhr befindet sich der Hahn, der die Flügel bewegen und krähen kann. Die Stunden werden von den Figuren auf der großen Glocke angeschlagen.

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Die zweite frühe Bodenstanduhr des Hessischen Landesmuseums Kassel ist undatiert und unsigniert und stammt aus der gleichen Zeit. Sie ist 2,70 in hoch und hat einen größeren Querschnitt von 80 x 80 cm. Nach einer Mitteilung von Paul Adolf Kirchvogel hat man unter dem weißen Gehäuse Anstrichmalereien entdeckt, u. a. den weiß-roten hessischen Löwen. Das Werk besitzt astronomische Angaben; es ist von Waag auf Kuhschwanzpendel umgebaut. Rückwand und Seitenwände sind mit ölfarben bemalt und zeigen einen Astrologen mit Sextanten und Zirkel und der Unterschrift »Astrologia«, einen Gelehrten mit Globus, Unterschrift »Dielectica«, und den Götterboten Hermes mit der Unterschrift »Merkurius«.

Eine dritte frühe Bodenstanduhr hat Emst v. Bassermann-Jordan in der Leipziger Uhrmacherzeitung 1910 beschrieben. Sie stammt von Abraham II. Habrecht, der sich 1643, von Straßburg kommend, in Regensburg niederließ. 1655 erhielt er 306 Fl. für die Uhr in der Fürstenstube, die heute noch erhalten ist. Das kräftige hölzerne Gehäuse ist stark profiliert gearbeitet, mit vorgesetzten Halbsäulen. Das hochrechteckige Zifferblatt ist reich graviert und vergoldet. Darüber sind ähnlich wie bei der Kasseler Moritz-Uhr die Figuren – Bewegungen.

Die Bodenstanduhren in England

Über die Geschichte der englischen Uhrmacherei sind wir sehr genau unterrichtet. Dies beruht vor allem auf dem Wirken der »Worshipful Company of Clockmakers«, der 1631 gegründeten Londoner Uhrmacherzunft. Aus ihren Büchern kennen wir von einer großen Anzahl der Londoner Uhrmacher das Jahr ihrer Aufnahme in der Uhrmacherzunft, deren Richtlinien stets genau beachtet wurden. Diese sorgten beispielsweise auch dafür, dass jede Uhr vom Hersteller voll signiert wurde.

Man hat oft Thomas Tompion als Vater der englischen Uhrmacherei bezeichnet. Eigentlich gebührt dieser Ehrentitel dem von holländischen Vorfahren abstammenden Ahasuerus Fromanteel (geb. 1610); denn er war es, der 1658 die ersten Federzuguhren mit Pendel baute, aus denen sich dann die Bracket Clocks entwickelten. Er ist auch der erste Hersteller von Bodenstanduhren in England gewesen. Diese waren noch mit Spindelgang und kurzem Pendel ausgestattet, lediglich die Gewichte sanken in den schlichten, schwarz geheizten hohen Kästen hinab. Kostbar aber waren die Köpfe der Uhren, die in ihrer Gestaltung den Bracket Clocks ähneln. Sie lieferten in der Tat, wie Fromanteel in seinen Inseraten bekanntgab, genauere Gangergebnisse als alle bis dahin hergestellten Uhren. Nunmehr erscheint auch – wie selbstverständlich – der Minutenzeiger auf dem Zifferblatt.

Der Clementankergang

Eine Verbesserung löste jetzt die andere ab. Der Physiker Robert Hooke beschäftigte sich mit Verbesserungen der Uhren. Huygens hatte bereits 1658 empfohlen, ein langes, schweres Pendel zu benutzen, um dadurch eine gleichmäßige Schwingung zu erreichen. In Verfolgung dieser Idee berichtete Dr. Hooke am 6. Mai 1669 vor der Royal Society von einem Pendel von 14 Fuß (etwa 4 m Länge), das eine Schwingungsdauer von zwei Sekunden hatte und von der geringen Kraft einer Taschenuhr angetrieben wurde.

Zwischen 1669 und 1670 erfand der Londoner Uhrmacher William Clement (geb. 1638, gest. 1704), die Ankerhemmung. Aus dem Jahre 1670 stammt die älteste erhaltene Uhr Clements mit Ankergang und langem Pendel. Es ist eine Turmuhr; sie befindet sich heute im Science Museum, London. Das neue Hemmungssystem von William Clement setzte sich rasch durch. Bald baute niemand mehr Bodenstanduhren mit Spindelgang. Allerdings besaßen viele der frühen Bodenstanduhren kein Sekundenpendel. Das Pendel benötigte vielmehr 11/4 Sekunden pro Schlag. Infolgedessen zeigen frühe Uhren Sekundenzifferblätter mit 48 Einteilungen. Die Pendelscheibe schwingt dabei im Sockelteil der Uhr. Dort, an für uns ungewohnter Stelle, ist deshalb ein Fenster eingelassen, um das Laufen der Uhr überprüfen zu können.

Thomas Tompion erhielt 1676 den Auftrag, für das Greenwich Observatorium zwei Uhren mit 4 m langen Pendeln herzustellen, die für eine Schwingung zwei Sekunden brauchten. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Gangergebnisse durch lange Pendel nicht entscheidend verbessert werden konnten. Sie wurden dann nur noch bei wenigen Turmuhren angebracht.

Wie der Spindelgang, so ist auch der Clementankergang eine rückführende Hemmung, das heißt, das Hemmungsrad erfährt durch den Ergänzungsbogen des Gangreglers einen Druck, welcher der normalen Drehrichtung entgegengerichtet ist. Das Hemmungsrad steht nunmehr in einer Ebene mit dem Anker. Dieser sitzt auf einer Welle und steht somit in starrer Verbindung zur Pendelgabel, in der die Pendelstange geführt wird. Die Aufhängung des Pendels erfolgte – auch das ist eine Erfindung Clements – durch eine Pendelfeder. Bereits die ersten von englischen Meistern nach diesen Prinzipien hergestellten Uhren zeigten nur mehr Restfehlweisungen von weniger als zwei Minuten täglich.

Pendelaufhängungen für Standuhren

Später wurden auch andere Pendelaufhängungen entwickelt. So besitzen qualitätsvolle Zeitmesser oft Schneiden- oder Spitzenlagerung, preiswertere Faden- oder Drahtringaufhängung. Der Clementankergang litt, wenn auch in weit geringerem Ausmaß als die früheren Hemmungen, wie z. B. der Spindelgang oder der Kreuzschlag, an der rückführenden Bewegung, denn diese stört die Gleichförmigkeit der Schwingungen. Wegen seiner einfachen Bauweise und Zuverlässigkeit wird aber der Clementankergang auch heute noch in vielen Abwandlungen bei billigen Uhren gebraucht. Auch der Schwarzwälder Hakengang der Kuckucks- und jockele-Uhren ist nichts anderes als ein vereinfachter Clementankergang.

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George Graham erfand 1715 eine ruhende Ankerhemmung. Dabei wird das Ankerrad nicht wie bei der rückführenden Hemmung zurückgeführt, wenn das Pendel seinen Ergänzungsboden schwingt, sondern der Steigradzahn ruht an den kreisförmigen Paletten des Ankers. Der Grahamanker besteht meistens aus einer Messing-Fassung mit eingeschobenen stählernen Paletten, die mit Schrauben befestigt sind. Dies war die erste Hemmung, mit der man bei entsprechender Wartung eine hohe Genauigkeit über längere Zeiträume erreichen konnte. Sie hat bis heute ihre Bedeutung für Präzisionspendeluhren behalten.